Rückblick Nationales Bildungsforum 2026
Politische Debatten, wissenschaftliche Impulse, geteilte Erfahrungen aus kommunaler Praxis und intensive Arbeitsphasen über Zuständigkeiten, Ressourcen und Verantwortung: Das war das 9. Nationale Bildungsforum in Lutherstadt Wittenberg. Erstmals fand das Forum direkt an einem Lernort statt – der Aula im Melanchthon-Haus des Leucorea-Gymnasiums, mitten im Schulalltag und damit genau dort, wo das diesjährige Thema konkret wird:
Das System von den Kindern her zu denken heißt, das System neu zu denken.

Kinder und Jugendliche brauchen Bildungsorte, die sich an ihrer Lebenssituation und ihren Bedarfen orientieren. In der Praxis treffen sie jedoch auf ein System, das entlang unterschiedlicher Zuständigkeiten, Rechtskreise, Finanzierungslogiken und Professionsverständnisse organisiert ist. Gerade an den Schnittstellen zeigt sich, wie schwer diese Strukturen zusammenspielen – und wie schnell daraus Hürden, Zuständigkeitslücken und unabgestimmtes Handeln entstehen können.
Stephan Dorgerloh (Wider Sense TraFo gGmbH) wählte in seiner Begrüßung ein ebenso einfaches wie treffendes Bild: ein nahezu undurchschaubares Gewirr aus Kabeln. Viele Leitungen, viele Verbindungen, viele Knoten – aber kaum noch erkennbar, was eigentlich womit verbunden ist. Es gehe darum, „nicht nur etwas zu entwirren, sondern auch zu klären, wie man die Leitungen neu ziehen kann.” Dieses Bild wurde immer wieder aufgegriffen, wenn es darum ging zu überlegen, wie Schule und Jugendhilfe so zusammenwirken können, dass nicht die Logik des Systems, sondern die Bedarfe von Kindern und Jugendlichen zum Ausgangs- und Mittelpunkt werden.

Eine „Tour de Schmerz“ durch die pädagogische Wirklichkeit
Wie konkret diese Systemfragen im Alltag werden, zeigte eine „Tour de Schmerz“. An einem fiktiven Fallbeispiel wurde durchgespielt, wie viele Personen und Institutionen beteiligt sein können, wenn ein Kind Unterstützung benötigt – und wie schnell die Schnittstellen verschiedener Systeme zu Hürden werden.
Vier präzise wissenschaftliche Impulse – von Prof. Dr. Karsten Speck, Prof. Dr. Birgit Lütje-Klose, Prof. Dr. Sybille Stöbe-Blossey und Prof. Dr. Kerstin Schneider – schärften den Blick auf die zentralen Spannungsfelder: auf die Schnittstellen zwischen Schule und Jugendhilfe, die Inklusionsperspektive, gemeinsame Verantwortung vor Ort sowie Fragen von Finanzierung, Wirksamkeit und Steuerung. Dabei wurde deutlich, was gute Kooperation braucht: gemeinsame Ziele, verlässliche Strukturen, Wissen über das jeweils andere System und Vertrauen.
Vom Nebeneinander zum Miteinander
Anhand von Praxisbeispielen aus Wolfsburg und Wuppertal, Pinneberg und Schwerin wurden Lösungsansätze, aber auch Schnittstellenprobleme reflektiert. Diskutiert wurden unter anderem gemeinsame Steuerungsmodelle, multiprofessionelle Teams und Poollösungen – und damit auch die Frage, wie Ressourcen so gesteuert werden können, dass sie beim Lernen und Aufwachsen möglichst wirksam unterstützen.
Dabei wurde deutlich, wie stark die verschiedenen Fragen vor Ort zusammenlaufen: Kinder wachsen an einem Ort auf – die Leistungen, die sie benötigen, werden aber häufig aus unterschiedlichen Systemen und Rechtskreisen heraus organisiert. Gerade an diesen Schnittstellen stellt sich die Frage, wie Zuständigkeiten klar bleiben und Verantwortungsdiffusion vermieden werden kann.
Die Paneldiskussionen mit Vertreter*innen aus der Politik griffen diese Spannungsfelder auf. Dabei ging es nicht nur um bessere Kooperation innerhalb bestehender Strukturen, sondern auch um die Frage, wo Zuständigkeiten, Rechtsrahmen und Finanzierungslogiken grundsätzlicher weiterentwickelt werden müssen. Verbindlichkeit, klarere Steuerung und bessere Datengrundlagen spielten dabei ebenso eine Rolle wie die Frage, was vor Ort anders organisiert werden kann.
Beim anschließenden Abendempfang in der Evangelischen Akademie setzte sich der Austausch in informeller Atmosphäre fort. Impulse für die Gespräche gaben dabei auch die Begrüßungen von Christian Tylsch (Landrat Wittenberg) und Reiner Haseloff (Ministerpräsident Sachsen-Anhalt a.D.), bevor der erste Forumstag in Wittenberg ausklang.
Gemeinsame Verantwortung vor Ort
Am zweiten Tag wurde die Diskussion stärker aus der Perspektive der Kinder- und Jugendhilfe weitergeführt. Im Fokus standen unterschiedliche professionelle Rollen, die Bedeutung freier Träger und die Frage, wie Schule, Jugendhilfe und weitere Akteure vor Ort verlässlich zusammenarbeiten können.
Dabei rückte besonders die kommunale Ebene in den Blick: Hier treffen unterschiedliche Zuständigkeiten unmittelbar aufeinander – und hier zeigen sich vielerorts bereits Ansätze, wie Zusammenarbeit anders organisiert werden kann.

Von den „Inseln des Gelingens“ zum System
Zum Abschluss wurden die Debatten gebündelt. Gemeinsame Ziele, verbindlichere Kooperation, bessere Datengrundlagen, klarere Verantwortlichkeiten und eine wirksamere Steuerung von Ressourcen gehörten zu den Themen, die die 24 Stunden geprägt hatten.
Deutlich wurde dabei vor allem, dass es gute Beispiele bereits vielfach gibt und heute schon vieles umsetzbar ist. Die Herausforderung liegt darin, daraus verlässliche Strukturen zu entwickeln, die über einzelne Projekte und Personen hinaustragen.
Die Impulse und Diskussionen des Forums fließen nun in die Thesen zum 9. Nationalen Bildungsforum ein. Und der Blick geht bereits weiter: 2027 feiert das Nationale Bildungsforum sein zehnjähriges Jubiläum.
Die Veranstaltung wurde von Stephan Dorgerloh, Dr. Ekkehard Winter und Teresa Keil zusammen mit einem Vorbereitungsteam organisiert. Ein besonderer Dank gilt den fördernden und unterstützenden Stiftungen Deutsche Telekom Stiftung, Joachim Herz Stiftung und Robert Bosch Stiftung.
Ihr Ansprechpartner

Als Strategieexperte und Moderator mit jahrzehntelanger Erfahrung führt Stephan Dorgerloh (er/ihm) Stiftungen wie Unternehmen durch komplexe Prozesse inhaltlichen und organisatorischen Wandels. Als früherer Kultusminister von Sachsen-Anhalt ist er erster Ansprechpartner für unsere Kernthemen Bildung und Demokratie, Kultur und Politik. 2018 gründete er das Nationale Bildungsforum, um dem Wissenstransfer aus Wissenschaft, Praxis und Politik eine jährliche Plattform zu geben.